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ÖKO-TEST November 2013
vom

Hähnchenfleisch

Hühner sind arme Schweine

Ein Salat mit Hähnchenbrust gilt als leicht und gesund. Für die Hähnchen, die die Brust liefern, ist er allerdings tödlich. Doch unser Test zeigt: Schlimmer als der Tod ist das kurze Leben, das die Tiere haben. Im Fleisch haben wir zudem viele gefährliche Keime und eklige Mängel gefunden.

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25.10.2013 | Sie heißen Appenzeller Spitzhaube, Deutscher Sperber oder Thüringer Barthuhn und sind vom Aussterben bedroht. So gab es vom Bergischen Schlotterkamm im Jahr 2009 gerade noch 66 Hähne und 296 Hennen. Denn die alten Rassen haben keinen Platz in der modernen Hühnerindustrie, wo Rassen wie Ross 308 gemästet werden. Diese Tiere werden kaum noch als Lebewesen wahrgenommen. So heißt es selbst auf der Öko-Internetseite www.oekolandbau.nrw.de: "800 Hennen der Linie Hubbard ISA JA 57 wurden mit 100 Hähnen der Linie Hubbard ISA I 77 eingestallt. Das Endprodukt dieser beiden Linien ist das langsam wachsende extensive Freilandmasthähnchen ISA 757."

Etwa 1.200.000.000 (1,2 Milliarden) "Produkte" werden jedes Jahr in Deutschland gemästet. Schnell wachsende Rassen wie Ross 308 erreichen schon nach gut 30 Tagen ihr Schlachtgewicht, nicht ganz so schnelle wie Sasso sind nach etwa 40 Tagen schlachtreif, langsam wachsende wie ISA 757, die in Bio-Ställen zum Einsatz kommen, brauchen etwa 60 Tage. Auch kein langes Leben. Aber ist es zumindest ein gutes?

Nein, sagt der Verein Animal Rights Watch. "Im Bio-Sektor ist die Massentierhaltung ebenso angekommen wie in der konventionellen Landwirtschaft. 4.800 Tiere pro Stall, 21 Kilo Masthuhn pro Quadratmeter - das ist das Leben der Bio-Hähnchen nach EU-Norm jenseits der idyllischen Verbrauchervorstellung."

Das sehen die Bio-Verbände - wen wundert es - anders. "Bio-Masthühner leben in abwechslungsreichen Stallanlagen mit Sitzstangen und Sandbad. Für Bioland-Hühner gibt es zusätzlich einen Wintergarten. Dort können sie im Sand nach Körnern picken, ihr Gefieder mit einem Staubbad pflegen oder in der Sonne baden", beschreibt Bioland seine Sicht der Hähnchenmast.

Auch für Naturland ist die Bio-Hühnerwelt in Ordnung: "Mittags wird gerne ein Sonnen- und Staubbad genommen und etwas gedöst. Eigene oder gegenseitige Gefiederpflege, Fuß- und Flügelstrecken sowie Flügelschlagen gehören zum Komfortverhalten. Damit die Tiere auch auf dem Öko-Hof all diese Verhaltensweisen ausleben können, muss der Bauer viel Zeit investieren", heißt es in einer Information des Verbandes.

Auf der Internetseite von Animal Rights Watch (www.biowahrheit.de) sind allerdings Bilder zu sehen, die eine andere Bio-Welt zeigen. Sie sind zwar schon ein wenig älter, aber Animal Rights Watch hat uns aktuelle Aufnahmen von beklagenswerten Zuständen in einem - nach Angaben der Organisation - Bio-Betrieb zur Verfügung gestellt. Markus Fadl von Naturland will sich zu den Bildern nicht äußern, auf andere Veröffentlichungen reagiert der Verband verschnupft ("Filmaufnahmen, die bei nächtlichen Einbrüchen gedreht worden sein sollen").

Dabei ist bei Naturland selbst nachzulesen, dass es durchaus Probleme gibt. So hat der Verband im Dezember 2012 einem Legehennenbetrieb fristlos gekündigt. Die Tierrechtsorganisation Peta hatte aufgedeckt, dass dort "in eklatanter Art und Weise tierschutzrechtliche Bestimmungen" missachtet wurden, schreibt Naturland in einer Pressemitteilung.

Auch Bioland, den zweiten großen Verband in unserem Test, haben wir wegen der Bilder angefragt - und keine Antwort bekommen.

Mastanlagen mit Hunderttausenden von Tieren, über 40.000 auf engstem Raum in einem Stall zusammengepfercht, Antibiotika im Übermaß: Die Zustände in der konventionellen Hähnchenmast werden nicht nur von Tierschützern und grünen Politikern seit Langem kritisiert. Auch Bürger vor Ort wehren sich zunehmend gegen neue Mastställe oder Schlachthöfe wie im niedersächsischen Wietze, wo im modernsten und größten Betrieb Europas jeden Tag 432.000 Hähnchen geschlachtet werden können.

Ganz spurlos sind die Auseinandersetzungen an der Geflügelindustrie nicht vorrübergegangen, auch wenn der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft und die Informationsgemeinschaft Deutsches Geflügel auf ihrer Internetseite www.deutsches-gefluegel.de versuchen, auf heile Welt zu machen. Dort "öffnet der 26-jährige Landwirt und Geflügelhalter Malte Eickhoff dem Verbraucher die Türen zu seinem Hähnchenstall und ermöglicht einen Einblick in seine tägliche Arbeit". Beim virtuellen, interaktiven Stallrundgang präsentiert er einen Musterbetrieb, der mit der von Kritikern gut dokumentierten Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Doch zumindest ein Teil der Hähnchenindustrie hat erkannt, dass sie ein Problem hat und etwas tun muss. Aber was? Das ist auch eine Frage des Geldes. Und das ist knapp. Nach einer Berechnung der Deutschen Landwirtschaftsgemeinschaft aus dem Jahr 2009 - und seither ist es sicherlich nicht besser geworden - verbleiben einem Mäster an einem Hähnchen 21 bis 23, nach Abzug der Kosten für die Stallanlagen sogar nur noch sieben bis zehn Cent. Es wäre wirtschaftlich also nicht möglich, den Tieren doppelt so viel Platz im Stall zu gönnen. Das soll die Zustände nicht rechtfertigen, es soll nicht einmal für Verständnis werben. Aber es zeigt, dass sich nichts ändern wird und kann, solange das Kilo Fleisch für unter drei Euro verschleudert wird.

Mit einem Jahresumsatz von 2,1 Mrd. Euro ist die Firma Wiesenhof im niedersächsischen Visbek Marktführer in Sachen Hähnchenfleisch. Sie stand und steht in der Kritik, auch wenn sie selbst keine Mastanlagen betreibt. Wiesenhof lässt nämlich über 800 Landwirte "in bäuerlichen Betrieben" für sich mästen und weist daher regelmäßig Kritik mit dem Hinweis zurück, für die Zustände seien die Vertragspartner verantwortlich. Außerdem habe die Firma in zehn Jahren 900 Millionen Euro investiert, einen Großteil davon, um Tierschutz, Umweltschutz und Hygiene zu verbessern.

Ein Resultat ist die neue Linie Privathof. "Dieses Konzept", schreibt die Firma, "zeichnet sich durch ein Mehr an Tierwohl aus: Eine langsamer wachsende Rasse, längere Aufzuchtdauer, geringere Besatzdichte und Auslauf in einem überdachten Wintergarten sind wesentliche Merkmale. Strohballen, Picksteine und Sitzstangen im Stall sollen darüber hinaus dazu beitragen, dass die Tiere ihre natürlichen Verhaltensweisen besser ausüben können." Vom deutschen Tierschutzbund gibt es dafür das Label Für mehr Tierschutz. Der Zusatz "Einstiegsstufe" deutet allerdings an, dass die Hürde nicht allzu hoch liegt. So dürfen Herden mit bis zu 30.000 Tieren wesentlich größer sein als in der ökologischen Mast, wo höchstens 4.800 Tiere erlaubt sind. Grünauslauf ist nicht vorgeschrieben, während jedem Bio-Masthuhn immerhin vier Quadratmeter Wiese zustehen. Wie in der konventionellen Schnellmast bekommen die Privathof-Tiere zudem fast ihr ganzes, etwa 40 Tage kurzes, Leben lang Futter mit Medikamenten gegen Kokzidiose. Die Krankheit wird durch Parasiten ausgelöst, bis zu 80 Prozent der infizierten Tiere sterben an blutigem Durchfall.

Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz - das ist "ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Rechte der Tiere, der Umwelt und des Verbraucherschutzes einsetzt" - hält nichts von Wiesenhof und auch nichts von der neuen Produktlinie. Mülln hat sich in der Vergangenheit wiederholt mit der Firma bzw. dem Mutterkonzern PHW angelegt. Im August hatte sein Team gefilmt, wie Puten in einem zum PHW-Konglomerat gehörenden Betrieb bei der Verladung zum Schlachthof gequält und misshandelt wurden. Kurz darauf erwischte Mülln einen Hähnchenmäster, der noch lebende Tiere in einen Container für Tierkadaver warf. Außerdem erstattete er Anzeige gegen drei für Wiesenhof arbeitende Betriebe, weil die gemästeten Hähnchen seiner Meinung nach sogenannte Qualzuchten sind. Die sind nach dem Tierschutzgesetz verboten, weil die Tiere wegen der Überzüchtung absehbar leiden. So können sich viele Hühner vor allem in den Tagen vor der Schlachtung kaum noch schmerzlos bewegen.

Aktuell hat uns die Soko Tierschutz Bilder eines Privathof-Betriebs zur Verfügung gestellt. Sie zeigen unter anderem stark verdreckte Einstreu und offenbar seit Längerem verendete Tiere. Außerdem sei die Verlustrate mit über 2,7 Prozent schon am 25. Masttag recht hoch. Was Wiesenhof dazu sagte, lesen Sie auf Seite 34.

Für das Label Tierschutz kontrolliert gut sind die Vergabebedingungen ähnlich wie für das Tierschutzlabel von Wiesenhof. Fleisch mit dem Siegel wird bei Kaufland unter dem Namen FairMast vertrieben. Doch es stellt sich die Frage, was fair ist an dieser Art der Mast, auch wenn das Label von der anerkannt kritischen Organisation Vier Pfoten verantwortet wird. So gibt es keine Herdenobergrenzen, obwohl große Herden anfällig für Krankheiten sind. Nicht nur für Kokzidiose, gegen die auch Tierschutz kontrolliert gut-Hühner fast ihr ganzes Leben lang Medikamente über das Futter bekommen. Die empfindlichen Viecher sind, besonders wenn sie dicht an dicht gehalten werden, anfällig für die mareksche Lähmung, die bis zu 60 Prozent der erkrankten Tiere dahin rafft. Die Gumboro-Krankheit (infektiöse Bursitis), die Newcastle-Disease und infektiöse Bronchitis bedrohen ebenfalls die Bestände. Gegen Newcastle, zu Deutsch Geflügelpest, ist eine Impfung gesetzlich vorgeschrieben. Auch gegen die anderen Krankheiten gibt es Impfstoffe, doch vor allem den gegen Kokzidiose lehnen die konventionellen Mäster ab. Sie zweifeln an der dauerhaften Wirksamkeit und verfüttern Medikamente. Die Bio-Erzeuger, die das nicht dürfen, impfen die Tiere - und kommen gut damit klar. Insgesamt sterben nicht mehr, sondern eher weniger Bio- als konventionelle Hähnchen während der Mast.

Wir wollten wissen, ob sich die unterschiedlichen Haltungsmethoden in den Testergebnissen niederschlagen und haben 14 Hähnchenkeulen - neun von konventionell und fünf von ökologisch gemästeten Tieren - untersuchen lassen. Außerdem haben wir den Anbietern einen umfangreichen Fragebogen zur Haltung, zum Futter und zu den Medikamenten geschickt.

Das Testergebnis Tierhaltung

Zuerst das Positive: Anders als Puten werden den Hähnchen die Schnäbel nicht gekürzt. Der Grund: Sie leben nicht lange genug, um Aggressionen zu entwickeln und sich durch Federpicken gegenseitig zu verletzen.

Das Testergebnis Inhaltsstoffe

Verdorben und verkeimt. Auch um die Qualität der untersuchten Hähnchenschenkel stand es vielfach nicht zum Besten. So fielen besonders eine Bio-Hähnchenkeule wegen massiv erhöhter Keimgehalte und abweichender Gerüche in allen drei eingekauften Chargen negativ auf. Von leicht abweichend bis fäkalisch. Mit diesen wenig appetitlichen Vokabeln beschrieben geschulte Experten den Geruch vieler Hähnchenschenkel am Ende der Verbrauchsfrist. Der unangenehme Geruch ist ein Zeichen fortschreitenden Verderbs und zunehmender Keimzahlen. Was auffällt: Fleisch mit Campylobacter oder Salmonellen war am Geruch nicht unbedingt zu erkennen, sondern sensorisch völlig in Ordnung.

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Weitere Informationen

So haben wir getestet

Der Einkauf
Im Test: 14 mal frisches Hähnchenfleisch, wobei dieses Mal Produkte mit Haut und dabei vorzugsweise frische Hähnchenschenkel im Fokus standen. Eingekauft wurden Eigenmarken der Discounter und Supermärkte sowie Markenprodukte von Wiesenhof und Friki. Da es insbesondere um die Tierhaltung gehen sollte, wählten wir selbstverständlich auch Produkte aus, die mit speziellen Tierschutzlabeln - etwa des Deutschen Tierschutzbundes - werben oder eine besonders schonende Tierhaltung vermuten lassen, wie das Fairmast-Siegel. Fünf Bio-Produkte komplettierten den Testeinkauf.

Die Tierhaltung und Transparenz
Informationen zu den Haltungsbedingungen ermittelten wir für Charge A mithilfe eines Fragebogens. Im Einzelnen fragten wir die Hersteller nach der Rasse der gemästeten Hähnchen, nach dem Namen der Mästerei, der Besatzdichte und der Anzahl der Tiere pro Herde. Weiter wollten wir wissen, ob die Tiere Grünauslauf hatten, ob sie Impfungen, Antibiotika oder gentechnisch veränderte Futterbestandteile bekamen. In einem zweiten Fragebogen baten wir um Belege für die gemachten Aussagen. Den Bio-Ställen statteten wir unangekündigt Besuch ab, weil wir uns vergewissern wollten, ob die Tiere wirklich besser gehalten werden.

Die Inhaltsstoffe
Die Qualität der Hähnchenkeulen ließen wir anhand mikrobiologischer und sensorischer Tests am Ende der Verbrauchsfrist prüfen. Zuvor waren die Produkte unter kontrollierten Bedingungen eingekauft und im Labor bei bis zu vier Grad gelagert worden. So sehen es die Herstellerangaben auf den Packungen vor. Weil es bei der Belastung mit Keimen immer wieder einmal Ausreißer gibt, untersuchten wir jeweils drei Produktchargen. Eine Charge wurde zusätzlich auf Rückstände von Antibiotika untersucht. Auf der Agenda stand auch das derzeit viel diskutierte Thema Antibiotikaresistenzen. Verdächtige Keime ließen wir in hochspezialisierten Laboren prüfen. Dabei galt es festzustellen, inwieweit die Keime auf Antibiotika noch ansprechen.

Die Weiteren Mängel
Rohes Hähnchenfleisch kann mit krank machenden Keimen belastet sein. Bei der Zubereitung sollten daher einige wichtige Regeln beachtet werden, die auch auf den Verpackungen genannt werden sollten. Das haben wir uns näher angesehen.

Die Bewertung
Tierhaltung und Produktqualität wurden zunächst getrennt bewertet - leider oft mit sehr schlechten Ergebnissen. Keine Frage, dass das Gesamturteil dann in vielen Fällen auch nicht besser sein konnte. So fallen selbst Bio-Keulen mit "guter" Tierhaltung bestenfalls "ausreichend" aus, weil sie am Ende zu viele Keime enthielten.

So haben wir getestet

Bis auf die Knochen. Sensorikexperten schauten auch nach Hämatomen - ein Hinweis auf eine schlechte Behandlung der Tiere?