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Der Traum vom Aussteigen

Energieautarkie
vom 01.08.2014

Der Traum vom Aussteigen

Die Ukraine-Krise befeuert den Wunsch nach Unabhängigkeit von russischem Gas. Doch den Löwenanteil seiner Energie bekommt Deutschland aus dem Ausland. Ist mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien der Ausstieg möglich? Wir schauen, wie die Chancen stehen.

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Guten Morgen, heute ist Donnerstag, der 2. Juni 2050. Es ist 7 Uhr.“ Noch etwas verschlafen stellt Moritz Meier die Stimme seines Weckers ab. Dann springt er unter die Dusche und kocht sich anschließend einen Kaffee. Warmwasser und Strom erzeugt sein energieautarkes Haus selbst - durch Sonnenkraft. Die Photovoltaikanlage füllt auch die Batterien des kleinen Stromflitzers, mit dem Meier zur Arbeit fährt. Leise und abgasfrei bewegen sich die elektrisch betriebenen Fahrzeuge über die Straßen, selbst die Lkws mit ihren Stromabnehmern auf den Dächern.

Es herrscht wenig Verkehr, weil die Siedlungen so angelegt sind, dass die meisten Leute nur einen kurzen Weg zum Arbeitsplatz haben. Die Fabrik, in der Meier arbeitet, deckt ihren Energiebedarf durch das geothermische Kraftwerk und Windkraftanlagen in der Nachbarschaft. Außerdem nutzt das Werk die Abwärme aus der Produktion zur Stromerzeugung. Die Großkraftwerke vergangener Jahrzehnte existieren nicht mehr. An ihrer Stelle gibt es viele kleine dezentrale Energieerzeuger, auch in den Haushalten. Sie lassen sich zentral steuern und so zu großen virtuellen Kraftwerken verbinden.

Das Bürogebäude von Meiers Arbeitgeber hat eine luftdichte innere Fassade, sodass es im Winter so gut wie keine Wärme verliert und sich im Sommer nicht aufheizt. Der Energieverbrauch ist folglich minimal. Sieht so in gut 35 Jahren der Alltag in Deutschland aus? Werden wir deutlich weniger Energie benötigen? Und wird das Land abgasfrei sein, weil die Energie komplett aus sauberen Quellen stammt? Brauchen wir keine Kohlekraftwerke mehr, keine Erdöllieferungen aus Saudi-Arabien und kein Gas aus Russland?

Aktuell importiert Deutschland rund 70 Prozent seiner Primärenergie. Ein wichtiger Lieferant ist Russland; 38 Prozent des Erdgases bezieht die Bundesrepublik von dort. Die Abhängigkeit von russischem Gas war vielen Europäern schon lange unheimlich und ist es nun umso mehr, seit Russlands Annexion der Krim und dem Dauerclinch mit der Ukraine über Gaslieferungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel erachtet es als notwendig, die Abhängigkeit von russischer Energie zu verringern. Alternative Gaslieferanten bringen sich ins Gespräch, zum Beispiel Aserbaidschan und auch die USA. Die Vereinigten Staaten sind durch das umstrittene Fracking innerhalb weniger Jahre zum weltgrößten Gasproduzenten geworden. Mit Flüssiggastankern könnte Gas, ähnlich wie Öl, aus Amerika nach Europa verschifft werden.

Allerdings: Das Broker- und Analysehaus Sanford C. Bernstein & Co. hat berechnet, dass Flüssiggas gegenüber russischem Pipelinegas Mehrkosten von 40 Milliarden Dollar jährlich verursachen würde, schreibt das Handelsblatt. Außerdem fehlt es an der nötigen Infrastruktur. Ein vor Jahren in Wilhelmshaven geplantes Flüssiggasterminal wurde nicht gebaut; es gilt als nicht wirtschaftlich. Und von den Kosten einmal abgesehen sind neue Abhängigkeiten keine verlockende Aussicht, denn in Beziehungen zwischen Ländern kann es unverhofft kriseln - siehe NSA-Affäre.

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