Testberichte aus dem Archiv
Ratgeber Rente, Geld, Versicherungen 9: 2011 mit CD

Riester-Banksparpläne
Ausgetrickst

Auch Axel Drückler von der Neuen Verbraucherzentrale in Mecklenburg und Vorpommern war entsetzt, als ihn Verbraucher vor wenigen Wochen erstmals mit solchen Angeboten konfrontierten und wissen wollten, ob sich ein solcher Vertrag lohne. "Wer weiß denn schon, ob er überhaupt 85 Jahre alt wird", meint der Fachberater irritiert. Vertraut man dem Statistischen Bundesamt, wird unser 42-jähriger Musterkunde gerade mal 82 Jahre alt. Eine gleichaltrige Frau könnte vielleicht 87,6 Jahre alt werden. Von der teuren Restrente ab 85 hätte der Mann daher nichts und die Frau nicht viel.
Je geringer das Risiko, desto größer der Gewinn für die Versicherer
Das Geschäft machen dagegen die Versicherer. Dass die Restrente ab 85 für die Vorsorgesparer so teuer wird, hatte allerdings auch der Gesetzgeber seinerzeit wohl nicht bedacht. Walter Riester, der damals als Arbeitsminister die Riester-Rente erfand, erinnert sich: Ursprünglich seien 10 bis 15 Prozent des Sparkapitals für die Rente ab 85 vorgesehen gewesen. So steht es auch in den ersten Gesetzentwürfen aus den Jahren 2000 und 2001. Doch offenbar machte die Branche schon damals Druck. Denn im Gesetz ist davon nichts mehr zu lesen.
Der Grund für die unverschämt hohen Kosten: Nach Kalkulation der Versicherer werden die Rentner steinalt. Unser 42-jähriger Musterkunde kann nach der Sterbetafel der Versicherer für Riester-Tarife heute damit rechnen, im Schnitt 95 Jahre alt zu werden. Überlebt er bis Rentenbeginn und wird 67, ist er nach der Logik der Versicherer so gesund, dass ihm jetzt sogar noch anderthalb Jahre mehr Lebenserwartung eingeräumt werden. Die Branche unterstellt jetzt, dass der Kunde 96,6 Jahre alt wird. Überlebt er gar bis 85, legen die Versicherer noch ein Schippchen drauf. Jetzt rechnen sie damit, dass der Kunde sogar 99 wird. Entsprechend üppig fällt der Einmalbeitrag für die Rente ab 85 aus. Denn die Versicherer müssen der Bank ja garantieren, dass der fest zugesagte Monatsbetrag dauerhaft gezahlt wird. Das Geld muss in unserem Musterfall also aus Sicht der Versicherer reichen, bis der Kunde 99 ist.
Mit der Lebenswirklichkeit hat diese Risikokalkulation wenig zu tun. Das wissen sogar die Versicherer. Bei ihren Risikosterbetafeln für Lebensversicherungen gehen sie zum Beispiel davon aus, dass allenfalls 25 Prozent aller 67-jährigen Männer überhaupt 85 Jahre alt werden. Handelt es sich um Raucher, schaffen es sogar nur sechs Prozent. Bei Rentenpolicen kalkulieren sie jedoch genau umgekehrt - und Gesundheitsrisiken werden gar nicht erst beachtet. Aus gutem Grund: Werden die Riester-Sparer nicht so alt wie unterstellt, können die Versicherer immerhin 25 Prozent des nicht verbrauchten Kapitals für sich behalten. Bei mittlerweile 14,59 Millionen Riester-Verträgen verspricht das ein Bombengeschäft.
In unserem Musterfall mit der Stadtsparkasse Mönchengladbach fallen zum Beispiel fast 8.700 Euro an Risikogewinnen an, wenn der Sparer nicht so alt wird wie unterstellt. 25 Prozent davon darf der Versicherer einbehalten, macht immerhin stolze 2.175 Euro. Würden alle 3,5 Millionen Bank- und Fondssparplanbesitzer exakt so einen Vertrag besitzen, wären das 7,6 Mrd. Euro möglicher Risikogewinne, die an die Versicherer fallen. Die Zahl ist sicherlich zu hoch gegriffen, weil unter den Riester-Sparern auch viele Geringverdiener und Sparer mit kürzeren Laufzeiten sind. Dennoch zeigt die Hochrechnung: Die Restrente mit 85 ist für die Versicherer ein blendendes Geschäft, an dem sich dank übervorsichtiger Kalkulation des Langlebigkeitsrisikos ohne eigenes Risiko glänzend verdienen lässt.
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