Startseite

Übersicht Ernährung / Essen / Trinken
News aus dem Archiv
19. Februar 2013
Essen ist Pfertig? Politik ist Pfertig!
Essen ist Pfertig? Politik ist Pfertig!

Pferdefleisch-Skandal

Wenn in etwa einer Woche das Thema Pferdefleisch aus den Schlagzeilen verschwunden und die Sicht nicht mehr durch Aktionismus und Aktionspläne vernebelt ist, könnte die Suche nach den eigentlichen Ursachen für die immer wiederkehrenden Fleisch- und Lebensmittelskandale beginnen.

Eine gängige Erklärung lautet: Die niedrigen Preise für Lebensmittel fordern Betrügereien wie die Beimischung von billigem Pferde- zu teurem Rindfleisch geradezu heraus. Mag sein, dass den einen oder anderen Hersteller die pure Existenzangst dazu treibt. Doch beleuchten wir diese Erklärung einmal aus der umgekehrten Richtung. Nehmen wir an, alle Lebensmittel wären doppelt oder gar dreimal so teuer. Dann würde sich die Panscherei doch noch mehr lohnen, es gäbe damit viel mehr zu verdienen.

Die Verantwortung für die zu niedrigen Preise wird gerne den Verbrauchern zugeschoben. Sie tragen sicherlich dazu bei, weil sie zwar kein Fleisch aus tierquälerischen Fleischfabriken wollen, aber zu Hähnchenbrust für 2,99 Euro das Kilo greifen. Doch der Rat, Fleisch nur noch beim Metzger des Vertrauens oder beim Bauern vor Ort zu kaufen, führt nicht weiter. Nicht nur, weil es in den Städten, in denen die meisten Deutschen wohnen, keine Bauern gibt und es ökologisch keinen Sinn macht, mit dem Porsche Cayenne zum 50 Kilometer entfernten Hofladen zu fahren. Der Metzger des Vertrauens wird in der Regel von den großen Fleischwerken mit Schweine- und Rinderhälften beliefert.

Um nicht missverstanden zu werden: Es macht durchaus Sinn, beim Lebensmitteleinkauf nicht allein auf den Preis, sondern auf saisonal, regional, bio zu achten und darauf, dass die Produkte wenig verarbeitet, also nicht aus unbestimmbaren Zutaten zusammengemixt sind. Doch wenn sich grundlegend etwas ändern soll, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern.

Dafür ist die Politik zuständig - und die ist pfertig. Nicht, weil der Aktionsplan von Ilse Aigner ebenso schnell in Vergessenheit geraten wird wie fast alle Aktionspläne, die die Verbrauchte Ministerin nach Skandalen aus dem Hut gezaubert hat. Die Politik ist pfertig, weil sie sich weigert, aus Erfahrungen zu lernen.

So wurde im Zuge der BSE-Krise im Jahr 2001 eine Kennzeichnungsverordnung für Rindfleisch beschlossen. Sie schreibt vor, dass auf einem Rindersteak - egal ob es beim Metzger oder beim Discounter verkauft wird - deklariert werden muss, wo das Kalb geboren, wo es gemästet, wo das Rind geschlachtet und wo es zerlegt wurde. Das sollte für Transparenz sorgen und verhindern, dass in der damaligen BSE-Hochburg England gemästete Rinder unerkannt in andere Länder verschoben werden.

Allerdings gilt die Verordnung nur für unverarbeitetes Rindfleisch. Schon wenn das Steak mariniert ist, müssen die Verbraucher nicht mehr informiert werden. Einen sachlichen Grund gibt es dafür nicht, hier müssen mächtige Lobbyisten für Intransparenz gesorgt haben.

Wenn die Politik - europaweit - nicht so pfertig wäre, hätte sie auch aus der Öko-Verordnung lernen können. Bei Bio-Produkten sorgt ein engmaschiges Kontrollsystem dafür, dass Unregelmäßigkeiten und Betrügereien viel schneller auffallen als in der konventionellen Landwirtschaft. Zudem zeigt die Aufarbeitung von Skandalen im Biobereich (die sich nicht 100prozentig verhindern lassen, weil das Geld, das mit Bio-Produkten zu verdienen ist, kriminelle Energie anzieht), dass Probleme nicht durch Fehler im System entstehen, sondern weil das Kontrollsystem bewusst umgangen wird. Trotzdem werden im Bio-Bereich Probleme überwiegend durch die Akteure selbst entdeckt und öffentlich gemacht.

Wie pfertig Politik tatsächlich ist und wie ergeben sie den Teilen der Landwirtschaftslobby dient, die an Transparenz kein Interesse hat, hat Ilse Aigner im April 2011 eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Damals erklärte sie vollmundig: "Eine verpflichtende Herkunftsbezeichnung (für alle Fleischarten) ist nicht machbar". Dabei hatte Clemens Tönnies, Inhaber eines der größten Fleischkonzerne Europas, bereits das Rückverfolgungssystem ftrace (www.ftrace.de) entwickeln lassen. Mit ftrace kann genau festgestellt werden, von welchem Bauernhof das Grillkotelette, das Fleisch in der Lasagne oder den Ravioli stammt (Verbraucher benötigen lediglich ein Smartphone oder einen Computer, bekommen aus datenschutzrechtlichen Gründen nur den Ort angezeigt, in dem der Bauernhof liegt, die Überwachungsbehörden erfahren im Krisenfall auch den konkreten Erzeuger).

Während die EU bis 2014 noch untersuchen will, ob die Kennzeichnungsvorschriften für Rindfleisch auch auf Schwein und andere Fleischarten übertragbar sind, nutzen inzwischen auch andere große Fleischkonzerne ftrace. Die ersten mit dem System rückverfolgbaren Produkte gab es übrigens bei den Discountern Aldi und Lidl. Denn sie haben wie Tönnies erkannt, dass sie auf Dauer nur Geschäfte machen können, wenn ihnen die Verbraucher vertrauen, wenn Transparenz und Offenheit herrschen. Von dieser Erkenntnis ist die (deutsche) Politik offenbar noch weit entfernt.

Apropos Transparenz und Rückverfolgbarkeit: "Essen ist Pfertig" ist nicht meine Erfindung. Wir konnten den Slogan bis zur Heute-Show des ZDF rückverfolgen.

( Jürgen Stellpflug )


Wichtige InformationenDieser Artikel stammt aus dem Archiv von ÖKO-TEST. Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Aktualität von Onlineinhalten.

Informationen anzeigen

Bei diesem Testbericht handelt es sich um einen Auszug aus dem Archiv mit den in der Vergangenheit durch ÖKO-TEST veröffentlichten Tests. Die Tests können aufgrund nachstehender Umstände inzwischen überholt und damit unverwertbar sein:
  • die jeweils getesteten Produkte sind nicht mehr auf dem Markt und/oder wurden verändert,
  • aufgrund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse musste das Testurteil revidiert werden,
  • neuere und/oder aktuelle gesetzliche Bestimmungen definieren testrelevante Untersuchungsverfahren oder zulässige Höchstmengen an Schadstoffen neu,
  • aufgrund des neuen Standes der Technik müsste das Produkt anders bewertet werden.




Mehr Artikel zu diesem Themengebiet
Testbericht
Smoothies: Gesunde Obstler
Testbericht
Putenfleisch: Wohl bekomm’s
Testbericht
Äpfel: Kein Sündenfall
Testbericht
Linsen: Das ging in die Linsen
Testbericht
Pestizide in Lebensmitteln: Zu viel ist zu viel
Testbericht
Kaffee: Wer handelt fair?
Testbericht
Geschmacksverstärker: Eine Geschmacklosigkeit
Testbericht
Spezialitäten aus Deutschland: In den Warenkorb!
Testbericht
Butter: Das ist nicht Kuh(l)!
Testbericht
Spaghetti: Alles paletti?

Spezialitäten aus Deutschland: Alles Gute!
Mindesthaltbarkeitsdatum: Von wegen verdorben!
Verpackungsalternativen: Grün oder doch nicht grün?
Wasserfußabdruck: Das virtuelle Wasser
Lecker Beeren: Endlich wieder Beerensaison!

Leserfrage: Cadmium in Sonnenblumenkernen
Leserfrage: Einfrieren in Marmeladengläsern
Leserfrage: Nur Wasser in die Plastikflasche?
Leserfrage: Mysteriöses Päckchen zwischen den Nüssen
Leserfrage: Süßungsmittel Sucolin
 Ernährung / Essen / Trinken
Online-Service für Abonnenten
 - ANZEIGE -
 News
Oxfam-Studie
Unrühmliche Bilanz einer Oxfam-Studie: Global Player wie Danone, Nestlé oder Coca-Cola zahlen unfaire Löhne und beuten die Landbevölkerung in vielen Teilen der Erde aus. » News lesen
Hygiene-Pranger vor dem Aus?
Verbraucher sollen informiert werden, wenn Lebensmittelbetriebe in Sachen Hygiene schlampen. Allerdings machen die wenigsten Behörden Verstöße öffentlich. Immer mehr Gerichte stoppen die "Schmuddellisten". » News lesen
Umweltbewusst einkaufen
Interview mit Jürgen Stellpflug, Chefredakteur von ÖKO-TEST, zu umweltbewusst einkaufen. » News lesen
Umweltbewusst einkaufen
Was heißt eigentlich überhaupt "umweltbewusst einkaufen"? Auf welche Siegel kann man sich verlassen? Die Antworten darauf will ein kostenloses E-Book liefern. » News lesen
Im Gespräch
Wurst, Fastfood oder Instantprodukte: Phosphate werden vielen Lebensmitteln zugesetzt. Dr. Kai Hahn von der Taskforce "Phosphate in food" hält das für ein Gesundheitsrisiko. » News lesen
Der Sushi-Ratgeber
WWF hat jetzt einen Sushi-Ratgeber zum Runterladen unter www.wwf.de im Angebot. Ein Ampelsystem informiert, wie dezimiert welche Fischart ist. » News lesen
Europaweite Steuer auf Fleisch
Schweden diskutiert eine europaweite Steuer auf Fleisch. Damit sollen der Fleischkonsum und der dadurch verursachte Kohlendioxidausstoß reduziert werden. » News lesen
Bio-Verbände kritisieren: Das kürzlich vom Deutschen Tierschutzbund eingeführte Label schützt die Tiere nicht. » News lesen
» mehr News anzeigen
 Aktuelle Themen
Wasserfußabdruck
Wasserfußabdruck - Rund 4.000 Liter Wasser "verschwendet" jeder Deutsche durchschnittlich pro Tag. Die Rede ist vom sogenannten virtuellen Wasser. Darunter versteht man die Menge, die während der gesamten Produktionskette aufgewendet oder verschmutzt wird. » Artikel lesen
Community Supported Agriculture
Community Supported Agriculture - Hinter dem Begriff Community Supported Agriculture – kurz CSA – steht wortwörtlich übersetzt eine "gemeinschaftsunterstützte Landwirtschaft". Das ÖKO-TEST-Special wirft einen Blick hinter die Kulissen dieser bäuerlichen Direktvermarktung. » Artikel lesen
Über ÖKO-TEST - CSR und Nachhaltigkeit
Über ÖKO-TEST - CSR und Nachhaltigkeit - Immer häufiger berücksichtigen wir CSR und Nachhaltigkeit in unseren Testurteilen. » Artikel lesen
Der Diäten-Wahnsinn
Der Diäten-Wahnsinn - Diäten gibt es wie Sand am Meer. Ob sie zum dauerhaften Abnehmen taugen, hängt vor allem davon ab, was auf den Teller kommt. ÖKO-TEST hat einige Diäten überprüft. Nicht alle können wir zum Abspecken empfehlen. » Artikel lesen
» mehr Themen anzeigen

  An den Seitenanfang gehen
ÖKO-TEST vorbeugender Verbraucherschutz seit 1985 - unabhängig, objektiv, wissenschaftlich
Das Essen und Geniessen-Super-Paket

Preis: 19.80 €

» Paket kaufen
Ratgeber Essen 12:2013 mit CD

Preis: 6.90 €

» Inhalt anzeigen
» Heft kaufen
Das Kleinkinder-Super-Paket

Preis: 29.80 €

» Paket kaufen
Spezial Ausstattung

Preis: 5.00 €

» Inhalt anzeigen
» Heft kaufen
ÖKO-TEST Mai 2013

Preis: 3.80 €

» Inhalt anzeigen
» Heft kaufen
» Abo / ePaper
Das Rund ums Haus-Super-Paket

Preis: 19.80 €

» Paket kaufen
Bereiche
Kinder / Familie
Kosmetik / Mode
Gesundheit / Medikamente
Bauen / Wohnen
Essen / Trinken
Geld / Versicherung
Technik / Freizeit
Informationen
Impressum
Datenschutz
Kontakt
Fragen zu ÖKO-TEST
Label-Verstöße
Unsere Testverfahren
Media
Mediadaten
Label
Markt & Medien
Presse / Handel

Investor Relations
Services
Übersicht Service

Online-Shop
Forum
RSS Feed
ePaper
pressekatalog.de
pubbles.de
Abonnement
Serviceseite



© ÖKO-TEST Verlag GmbH, Frankfurt am Main