Schreckgespenst Wechseljahre
Eine Erfindung

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Das männliche Klimakterium
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Die Erfindung des männlichen Klimakteriums fördert vor allem den Absatz von Hormonpräparaten. Gegen die Sinnkrise in der Lebensmitte helfen sie ebenso wenig oder so viel wie der neueste Porsche.
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Manche Männer leiden unter Symptomen, die bei Frauen als Wechseljahrsbeschwerden gedeutet werden: Schlafstörungen, unkontrollierte Schweißausbrüche, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und weniger Interesse am Sex. Studien belegen, dass bei den Herren der Schöpfung ab dem 40. Lebensjahr die Produktion des Männlichkeitshormons Testosteron pro Jahr um etwa ein Prozent sinkt. Seitdem streiten Wissenschaftler über die Frage, ob analog zur weiblichen Menopause auch Männer in die Wechseljahre kommen. Während die einen davon ausgehen, dass die Vertreter des starken Geschlechts in der Midlifecrisis schlicht ihr Alter zu spüren bekommen, führen andere die Beschwerden auf einen Mangel an männlichen Sexualhormonen zurück. Anhänger dieser These haben für das angebliche Leiden bereits diverse Fachbegriffe wie "Andropause", "Klimakterium virile" oder "Partielles Androgen-Defizit des Alternden Mannes" (PADAM) geprägt.
Testosteron, zumindest darüber herrscht Einigkeit, macht den Mann zum Mann. 90 Prozent des Power-Hormons werden in den Hoden gebildet; den Rest produzieren die Nebennieren. Es lässt die Muskeln schwellen, Bart- und Körperhaare sprießen, sorgt für breite Schultern, ein energisches Kinn und eine tiefe Stimme. Kurz: Testosteron ist der Stoff für die männlichen Reize, auf die Frauen angeblich fliegen. Im Gehirn des Mannes zeichnet das Geschlechtshormon für erotische Fantasien verantwortlich, die wiederum die Lust auf Sex wecken. Auch Durchsetzungsvermögen, Dominanzverhalten und Aggressivität bis hin zu gesteigerter Gewaltbereitschaft sollen mit dem Testosteronspiegel in Verbindung stehen.
Power aus der Tube
Mit einer extra Portion des Hormons Testosteron im Blut haben sich schon viele Sportler, meist auf illegale Weise, Wettkampfvorteile verschafft. Das künstlich hergestellte Hormon ist ein hochwirksames Anabolikum und wurde bis vor wenigen Jahren hauptsächlich auf dem Schwarzmarkt vertrieben. Vor allem Athleten und Bodybuilder nutzten das Dopingmittel, um den Körper in Form zu bringen. Kandidaten für eine ärztlich verordnete Testosteronkur waren nur Patienten mit einer seltenen Unterfunktion der Hoden. Doch die Diskussion über die neue Männerkrankheit Klimakterium hat die Begehrlichkeiten der Pharmahersteller wachsen lassen. Hormonpräparate für Männer werden inzwischen in Form von Tabletten, Spritzen, Salben oder Pflaster angeboten - als Jungbrunnen gegen das Altern, zur Unterstützung bei Potenzproblemen oder einfach als Gesundheits- und Schönheitselixier. Und so mancher Urologe hätte wohl nichts dagegen, wenn die Herren der Schöpfung ab vierzig regelmäßig zum Hormoncheck in der Praxis vorbeischauen würden.
Die Verjüngungskur auf Rezept passt zum Zeitgeist. Erfolgreiche Männer, suggeriert die Werbung, sehen auch gut aus. Die glänzenden Körper männlicher Models in V-Form mit breiten Schultern und schmalen Hüften strotzen geradezu vor Muskelkraft. Und ohne braungebrannten Waschbrettbauch vor dem Spiegel kommt keine Rasierwasserwerbung mehr aus. Rettungsringe um die Hüfte, eine der Problemzonen des alternden Mannes, und ein schlaffer Bizeps hingegen sind Attribute eines Versagers - im Beruf und beim anderen Geschlecht. Da erscheint die Diagnose Testosteronmangel als rettender Ausweg: Hormongel statt Muskeltraining, Powerspritze statt bewusster Ernährung und Lebensführung. Die Euphorie, mit der die Präparate beworben werden, erinnert an die Anfänge der Hormontherapie bei Frauen. Welche Risiken der Einsatz von Hormonen gegen Wechseljahrsbeschwerden birgt, stellte sich erst viel später heraus. Auch die segensreiche Wirkung von Testosteronpräparaten bei männlichen Altersbeschwerden ist nicht bewiesen.
Risiko Prostatakrebs
Experten warnen jedoch vor möglichen Risiken einer hormonellen Ersatzbehandlung mit Testosteron. "Die meisten Behauptungen sind reine Spekulation", sagt der Hormonspezialist Dr. Bruno Allolio von der Universität Würzburg. "Es ist deprimierend, wie leichtfertig aus dem dünnen Wissen der Sinn einer Therapie abgeleitet wird." Langzeitstudien fehlen bisher, sodass niemand weiß, ob ältere Männer von den Hormonen wirklich profitieren oder ob durch die neuen Lifestylepillen nicht sogar Krankheiten begünstigt werden. Beispielsweise besteht die Gefahr, dass das Testosteron das Wachstum bereits bestehender Tumore in der Vorsteherdrüse beschleunigt.
Skepsis herrscht auch bei den Krankenkassen. Sie übernehmen die Kosten für eine Hormonsubstitution bei Männern nur bei ganz bestimmten Krankheitsbildern wie Impotenz, einigen Krebsformen oder Infektionen. Vorsicht ist auch vor einer Selbstmedikation, beispielsweise durch frei erhältliches Testosteron in den USA geboten. Die Nebenwirkungen sind unkalkulierbar. So zeigte eine Studie des Anzac Research Institute in Sidney von 2003, dass Testosteroninjektionen die Häufigkeit von Atemaussetzern während des Schlafes um 50 Prozent erhöhten.
Die Forscher hatten Männer über 60 Jahren drei Wochen lang das Hormon verabreicht. Die Ergebnisse zeigten, so die Zeitschrift New Scientist, dass die Testosteronbehandlung das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall verdreifacht. Viele Wissenschaftler glauben, dass für Beschwerden, die der Andropause zugeschrieben werden eher psychologische als hormonelle Veränderungen ausschlaggebend sind. Der Beginn der zweiten Lebenshälfte geht meist mit einem familiären Umbruch einher. Die Kinder verlassen das Haus und werden selbstständig. Die Partnerschaft muss neu definiert werden. Im Beruf wachsen Jüngere nach. "Die Erkenntnis, dass ihre Kinder erwachsen werden, ihr Bauch immer dicker wird, der Haaransatz immer weiter in Richtung Nacken wandert und sie immer mehr Falten bekommen, kann bei vielen Männern zu Orientierungslosigkeit, depressiven Verstimmungen und Alkoholmissbrauch führen", erklärt der britische Gesundheitsexperte Rob Hicks.
Männliche Männer leiden stärker
Ob Männer mit niedrigeren Hormonwerten körperlich wirklich weniger fit sind und sich schlechter fühlen als Altersgenossen mit höheren Werten, wurde bisher kaum untersucht. Zu den wenigen, die die Wechselwirkungen zwischen hormonellen Veränderungen und psychischer Befindlichkeit genauer unter die Lupe genommen haben, gehört ein Forscherteam um die Psychologen Annette Degenhardt und Andreas Thiele von der Universität Frankfurt. Die Studie mit über 300 Männern zwischen 35 und 64 Jahren kam zu dem überraschenden Schluss, dass sich Probanden mit überdurchschnittlich hohen Testosteronspiegel im Bereich Sexualität und Potenz stärker beeinträchtigt fühlen, als Probanden mit niedrigen Hormonwerten. Das traf in besonderem Maße auf die Gruppe der 55- bis 64-Jährigen zu. Die Wissenschaftler vermuten, dass sich Männer mit hohen Testosteronwerten stärker über ihre klassische Geschlechterrolle, über körperliche Attraktivität und Fitness definieren. Solche Männer fänden sich vermutlich schwerer damit ab, wenn mit den Jahren Potenz und Muskelmasse schwinden.
( oet )
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