Schreckgespenst Wechseljahre
Hormontherapie

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Der große Bluff
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Was jahrhundertelang als natürliche Lebensphase galt, wurde von der modernen Medizin zu einem hormonellen Mangelzustand umgedeutet.
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Gesundheit, Schönheit und Jugendlichkeit: Jahrzehntelang priesen Ärzte und Pharmaproduzenten die Hormontherapie als wahres Wundermittel. Die Menopause wurde zur chronischen Mangelkrankheit, gegen die ausschließlich die tägliche Dosis Östrogene half. Inzwischen haben sich solche Versprechungen als folgenschwerer Trugschluss entpuppt.
"Die Frau in der Menopause muss als physiologische Kastratin angesehen werden", schrieb 1960 der Hormonforscher Robert Greenblatt. Sechs Jahre später pries der New Yorker Gynäkologe Robert Wilson in seinem Buch "Forever Feminine" die neuen Hormonpräparate als wahre Wundermittel gegen Wechseljahresbeschwerden, zur Vorbeugung von Altersleiden, für ewige Jugendlichkeit und sexuelle Attraktivität. So begann der kometenhafte Aufstieg einer Therapiemethode, die nicht wenige Experten heute als einen der größten Medizinskandale bezeichnen. "Millionen Frauen wurden von ihren Ärzten gedrängt, dauerhaft Medikamente einzunehmen, um Krankheiten zu verhüten und das Leben zu verlängern, ohne wissenschaftlichen Nachweis ihrer Wirksamkeit und Sicherheit", konstatiert Ingrid Mühlhauser, Professorin für Gesundheit an der Universität Hamburg.
Mehr Brustkrebs, Schlaganfälle und Herzinfarkte
40 Jahre währte der Höhenflug der Hormonersatztherapie. Dann - mit der Veröffentlichung der ersten kontrollierten Langzeituntersuchungen - folgte der tiefe Fall. Im Sommer 2002 wurde ein Teil der WHI-Studie (Women’s Health Initiative) vorzeitig abgebrochen. Bei diesem weltweit größten Forschungsvorhaben zur Hormonbehandlung hatte sich nämlich herausgestellt, dass die gesundheitlichen Risiken einer Dauermedikation den Nutzen deutlich überwogen. Die nüchterne Bilanz: Frauen, die Jahre oder gar Jahrzehnte lang eine Kombination von Östrogenen und Gestagenen schluckten, erkrankten nicht seltener, sondern häufiger an Thrombosen, Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Brustkrebs. Außerdem waren die in dieser Gruppe diagnostizierten Mammakarzinome weiter fortgeschritten. Zudem stieg unter der Hormontherapie die Fehlerquote bei der Mammografie-Früherkennung von Krebs. Weil das Drüsengewebe in der Brust dichter wird, werden häufiger Tumore übersehen oder falscher Alarm geschlagen. Dagegen sank die Gefahr von Darmkrebs und Oberschenkelhalsbrüchen.
Für Enttäuschung sorgte ein weiteres Ergebnis des Forschungsprojekts. Weder geistige Fitness, noch depressive Symptome oder sexuelle Zufriedenheit verbesserten sich durch die weiblichen Hormone. Nur Probandinnen mit ausgeprägten Wechseljahresbeschwerden profitierten von den Pflästerchen und Pillen. Auch ein zweiter mittlerweile abgebrochener Teil der WHI-Studie, in dem es um die Langzeitwirkung von reinen Östrogenpräparaten ging, brachte unbequeme Wahrheiten ans Licht. Beobachtet wurden Frauen, die keine Gebärmutter haben und deshalb auf den Zusatz von Gestagenen verzichten können. Doch auch in dieser reinen Östrogengruppe wurde eine Zunahme von Schlaganfällen und Lungenembolien festgestellt. Die Rate der Herzerkrankungen veränderte sich nicht, das Risiko für Brustkrebs war sogar etwas kleiner. Experten nehmen deshalb an, dass es vor allem die Gestagene sind, die die Gefahr bösartiger Tumore erhöhen.
Die Kontroverse dauert an
Die Veröffentlichung der Gesundheitsrisiken und das Umdenken der Arzneimittelbehörden haben ihre Wirkung nicht verfehlt: In Deutschland sind die Verschreibungszahlen deutlich gesunken. Laut Arzneimittelreport der Gmünder Ersatzkasse (GEK) wurde 2001 noch beinahe jede zweite Patientin zwischen 50 und 70 Jahren zumindest zeitweise mit Hormonen behandelt. Fünf Jahre später betraf das nur noch jede vierte bis fünfte Versicherte in dieser Altersgruppe. Nach einer Studie des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) wenden sich vor allem Frauen aus den höheren Bildungsschichten von den umstrittenen Präparaten ab. Trotz dieses Rückgangs waren die RKI-Wissenschaftler überrascht, dass weiterhin relativ viele Hormontherapien durchgeführt oder sogar neu begonnen wurden. In einer gleichzeitig durchgeführten Erhebung stellten sie nämlich fest, dass fast 90 Prozent der deutschen Frauen unabhängig vom Bildungsgrad die Wechseljahre als eine natürliche und vorübergehende Phase erleben.
Abrupter Rückgang der Brustkrebsfälle
Für Aufsehen sorgte zwischenzeitlich ein neueres Forschungsergebnis aus den USA. Seit dem Ende des Hormonbooms ist dort auch die Anzahl neuer Brustkrebsfälle abrupt gesunken: zwischen 2001 und 2004 um deutliche 8,6 Prozent. Lokale Krebsregister in Deutschland verweisen auf einen ähnlich beeindruckenden Trend. Experten folgern, dass damit die krebsfördernde Wirkung der umstrittenen Hormonkuren praktisch bewiesen sei. Gerätselt wird noch, warum dieser Effekt so schnell eintreten konnte. Die Statistiker hätten eine Verringerung des Brustkrebsrisikos erst nach vielen Jahren erwartet. Allerdings wird vermutet, dass die Hormone nicht nur zur Entstehung von Brustkrebs beitragen, sondern auch das Wachstum bereits bestehender Tumore beschleunigen können. Dies könnte den plötzlichen Rückgang der Diagnosen erklären.
Fakt ist: Alle wissenschaftlichen Studien sprechen gegen den Einsatz von Sexualhormonen zur Vorsorge gegen Krankheiten oder andere Alterserscheinungen. Dabei ist es unerheblich, ob die Mittel als Pillen oder Pflaster, mit oder ohne Gestagene verabreicht werden. Allerdings können Patientinnen, die im Klimakterium stark leiden, von einer kurzfristigen Hormongabe profitieren. Es gibt zuverlässige Belege, die zeigen, dass die Mittel die Anzahl von Hitzewallungen und Schweißausbrüchen deutlich verringern. Auch gegen Trockenheit in der Scheide hilft die lokale Anwendung von Östrogenen. Möglich, aber weniger gut untermauert, ist die Wirkung bei Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Es gilt dagegen als erwiesen, dass die weiblichen Sexualhormone eine Gewichtszunahme in den Wechseljahren weder verursachten noch verhindern.
Was passiert nach dem Absetzen der Hormone?
Was aber passiert, wenn die Frauen die Präparate nach ein paar Monaten oder einem Jahr wieder absetzen? Wissenschaftler des unabhängigen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitwesen (IQWIG) haben sämtliche Studien durchforstet und auf diese Frage keine klare Antwort gefunden. Die bislang beste Auskunft gibt eine große amerikanische Studie mit 16.000 Teilnehmerinnen, die die Mittel im Schnitt sechs Jahre lang einnahmen. Bei etwa der Hälfte der Befragten traten die Beschwerden nach dem Absetzen der Hormone wieder auf.
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